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Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wenn ein einziger Blick genügt, um sich anschliessend Stunden mit der Verarbeitung des visuellen Eindrucks zu beschäftigen, weiss man, dass dieses Sprichwort sticht.
So geschah es mir, als ich mit 17 ein Foto in einer Zeitschrift sah, dessen Wirkung und die darauf folgende genaue Analyse mein weiteres Leben maßgeblich bestimmen würde: Es prägte nachhaltig mein Empfinden und meine Aufmerksamkeit für Sinnlichkeit und Ästhetik – und für den Radsport.

Das besagte Bild befand sich in einer Ausgabe des Miroir du Cyclisme von 1981, einer Französischen Radsport-Zeitschrift. Es war eine eher schlechte Aufnahme, im technischen Sinne: verwackelt, etwas unscharf und mit einer bescheidenen Drucktechnik sowie einer farblich blassen Körnung, zeigte es einen Radsportler, der alleine und ohne Zuschauer am Straßenrand, offensichtlich in voller Anstrengung jemandem davon fuhr. [Wohl kaum hätte man irgend jemanden, der abgehängt dem davon rasenden ‘Peleton’ hinterher fährt, so prominent abgelichtet!]

Der Radsportler auf dem Bild war groß, mit langen Beinen und nicht sonderlich muskulös. Er sass stark vornüber gebeugt auf einem blauen (!) Rennrad. Er fuhr offensichtlich schnell, denn der Fahrtwind hatten einen Scheitel in die Mitte seiner langen Mähne gezogen und die Haare platt an sein Gesicht gedrückt. Auch war er von den Strapazen des Rennens gezeichnet, denn das Gesicht und die Beine waren mit einer Schmutzschicht überzogen.
Irgendwie sah der Typ gut aus, vermutlich Italiener, denn er war gebräunt und wirkte elegant, nicht sonderlich verausgabt. Die Strasse wirkte auch südländisch, der Asphalt eher im schlechten Zustand und die Straßenseite ging in Sand und Schotter über, bis eine Mauer aus Natursteinen sie eingrenzte. Dahinter noch laublose Bäume, denn es war erst März.

Doch irgendwie wurde das Bild dominiert von dem Rad, auf dem er fuhr: Es war weit mehr als nur ein dienliches Attribut, dass dem Sportler ermöglicht, schnell vorwärts zu kommen.
Wer war der wirkliche Star auf diesem Bild: Der elegante Fahrer, oder vielleicht doch das Rad, auf dem er fuhr? Oder beide, weil sie, wie in einer Symbiose miteinander verschmolzen, sich gegenseitig ergänzend, zu einer perfekten Einheit wurden?

Bei der Betrachtung dieses Bildes, liess mich ein Gedanke nicht mehr los: Wenn man so elegant auf dem Rad dem Hauptfeld davon rauschen will, auf dem Weg zu Ruhm und Ehren, dann nur auf einem Rad, das dieser Eleganz auch entspricht. Nicht nur braucht man einen Körper, der es einem ermöglicht schneller als alle anderen zu fahren und dabei trotzdem elegant zu erscheinen, man braucht auch ein Rennrad, das dies ermöglicht und quasi vollendet – ein perfekt gestaltetes und gebautes Rennrad eben! Denn Rennräder gibt es ja zuhauf: Es muss eine gewisse  Komposition aus Rahmen, Laufrädern, Materialien, Farben und Oberflächen geben, die aus einem ordinären Rennrad, DAS Rennrad macht! Eindeutig macht eine perfekte Abstimmung des ganzen Pakets, also Fahrer und Rad, die Ästhetik eines Radsportlers aus.

Die Analyse dieses Bildes erweckte in mir die Faszination für den Radsport und es war auch der Moment, in dem ich mich für die ästhetische Wirkung von Produkten und Gegenständen zu interessieren begann und deren ‘Zusammenstellung’ auf den Grund gehen wollte. [Letzteres führte dazu, dass ich später den Beruf des Designers ausüben sollte und dass ich bis heute diesen Dingen auf den Grund gehe.]

Und was waren nun die Aspekte dieses Rades, die es zu einer perfekten Maschine kürten? Die Marke konnte ich auf dem Bild nicht erkennen, aber es hatte einen besonders leuchtend blauen Rahmen mit weissen Banderolen. Der Lenker wirkte breit, mit hellem Lenkerband umwickelt, an dem die Bremsgriffe den Eindruck erweckten, dass sie die Luft wie zwei Rammböcke durchschneiden würden. Der Vorbau war schwarz und auch die Felgen waren in einem dunklem Aluminium ausgeführt, die Reifen hatten braun-gelbe Seitenflächen, die sich stark von den Felgen abhoben und die leichte Eleganz des Rades damit besonders betonten. Das Aluminium der Anbauteile war eher matt ausgeführt, was ihre reduzierte, auf das Wesentliche ausgerichtete Wirkung noch betonte. Es schien, als ob an dem Rad nichts überflüssig, alles auf seine Funktion ausgelegt und dennoch von einer besonderen Leichtigkeit umgeben war.
Damals wusste ich schon so viel, dass bei teuren Rennrädern, alles aus Aluminium erstellt wurde; etwas was bei meinen damaligen Rad sicherlich nicht der Fall war. Das Rad, auf dem ich täglich zur Schule fuhr und mir eine, für Jugendliche so wichtige Unabhängigkeit verlieh, verkam gedanklich sofort zum hässlichen Entlein. Es musste dringend etwas geschehen, und was, das zeigte mir dieses Bild – ein echtes Rennrad musste her!

Fortan wollte ich auch so ein Rad besitzen, selber an meinem Körper arbeiten und ihn athletisch entwickeln, selber Rennen fahren! Es gab nach diesem Bild kein zurück mehr. Seit diesem Moment war ich ‘konditioniert’ und meine Wahrnehmung entwickelte eine besondere Sensitivität für jene Merkmale, die eine perfekte Maschine, als auch einen perfekten Fahrer, ausmachen.
Alles sog ich in mir auf, was nur annähernd mit dem Phänomen Radsport zu tun hatte, schaute nach Bildern, suchte nach Fernsehübertragungen, die damals in Deutschland eher selten waren und jedes Rennrad, mit oder ohne Fahrer, wurde sofort einem analytischen Blick unterzogen, sodass ich schon bald in Sekundenschnelle ausmachen konnte, ob das Rad, der Fahrer, oder beide zusammen, ‚etwas her machten‘.

Interessanterweise stellte ich dabei fest, dass es perfekte Maschinen gab, ohne Fahrer, aber nie perfekte Fahrer ohne Rad. Steigt nämlich ein ‘perfekter’ Rennradfahrer erst mal ab, dann verkommt er in seiner Kluft, mit engen Lycra-Hosen, buntem Trikot und den klobigen Schuhen samt Pedalklötzen, zu einer bedauernswerten Nebenfigur, während die Rennräder, ob sauber funkelnd oder vom Straßendreck verschmutzt, ihre Faszination und ästhetische Ausstrahlung beibehalten. Stellt man sie in die Schaufensterauslage eines Radladens, dann funkeln sie wie Schmuck bei einem Juwelier.
Dies muss zwangsläufig bedeuten, dass das Rad in einer gemeinsamen Wirkung mit seinem Fahrer die Hauptrolle einnimmt und das Rennradfahrer erst auf dem Rad zu wirklichen Helden werden.
An diesem Eindruck änderte sich auch nichts, als im Laufe der Zeit vermehrt Frauen den Radsport ausübten: zwar sind sie ohne Rad oft ansehnlicher als ihre männlichen Kollegen, jedoch bei weitem nicht so überzeugend, wie zum Beispiel Tennisspielerinnen – die sind auch ohne Schläger überzeugend.

Haben Tennisspieler etwa das gleiche Kribbeln, wenn sie einen Schläger sehen? Wie wirken Laufschuhe auf Athleten? Was macht ein Surfbrett mit seinem Surfer? Wie wirkt ein Barren auf einen Turner?
Lösen diese Sportgeräte etwa ähnliche Glücksgefühle bei ihren Sportlern aus, wie das Rennrad beim Radsportler? Stehen etwa junge Leichtathleten auch sabbernd vor den Auslagen der Sportgeschäfte und drücken sich die Nase platt um die neuen Turnschuhe zu bewundern?

Es gibt nur wenige Sportarten, wo das Sportgerät so elementar in seiner Ausübung ist und dabei als Produkt so faszinierend wirkt und gleichzeitig seinem ‘Nutzer’ in der ästhetischen Wirkung so überlegen ist, wie im Radsport.
Ja, Rennautos, Segeljachten und Flugdrachen leisten dies auch, aber sie lassen deren ‘Nutzer’ auch ohne Gerät als Sportler würdevoll erscheinen. Stellen Sie sich Steve McQueen einfach mal in Rennradkluft, statt in Rennoverall vor.. alles klar? Nur der Motorsport auf zwei Rädern kommt da dem Radsport nahe, denn auch da wirken die Helden ohne ihre Maschinen wie hilflose Gesellen.

Der Radsport ist deswegen so faszinierend, weil er mit dem Rennrad ausgeübt wird: Ein Gerät, das mit minimaler Gestaltung, Ausstattung und Gewicht, den Menschen zum effektivsten biologischen System auf Erden macht und dabei so elegant und fragil erscheint, dass man glauben mag, es könne die rohe Kraft des Sportlers überhaupt nicht effizient in vorwärtsgerichtete Energie umwandeln, geschweige denn die Torturen eines Massensprints oder die Kopfsteinpflaster von Paris-Roubaix überstehen – doch es kann, mit leichtfüßiger Eleganz!
Auch wenn der professionelle Radsport selbst in Verruf geraten ist, bleibt das Rennrad eine wahre Krönung der menschlichen Schöpfungskraft und ist, wenn richtig ausgeführt, die schönste Maschine überhaupt!

 

Zum besagten Bild: Der abgebildete Radfahrer ist Fons de Wolf und nicht Italiener, sondern Belgier, was ja nicht unähnlich ist. Er befindet sich auf dem Weg zum Sieg beim klassischen Radrennen Milan – San Remo im Jahre 1981, als er am letzten Anstieg, dem Poggio, kurz vor dem Kulminationspunkt dem Feld davon fährt.

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(Das besagte Bild aus der Miroir du Cyclisme 1981)

Fons de Wolf war ein eleganter Fahrer mit beachtlichen Erfolgen, der jedoch nie die ganz großen Siege wie die Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix oder die WM erringen konnte. Seine elegante, gleichmäßige Fahrweise, die den Eindruck erweckte, dass die Anstrengungen fast schon gelassen hingenommen wurden, ist nur von wenigen Fahrern erreicht worden, wird jedoch, auch von den ganz großen, immer angestrebt. Zur kleinen Kategorie der ‘leichtfüßigen’ Fahrer gehörten u.A Didi Thurau (der eleganteste von allen), Fausto Coppi, Francesco Moser oder Miguel Indurain. Gegen ihre anmutige Fahrweise wirkte die der ganz Großen, wie Eddy Merckx, Bernard Hinault oder auch Greg Lemond, wie harte Arbeit und hässliches Leiden.

Das Rad, auf dem Fons de Wolf zum Sieg fuhr, war ein Gios Torino, Modell Super Record. Natürlich mit Campagnolo Super Record ausgestattet, mit Felgen von Mavic. Das besondre am Gios ist vor allem seine blaue Farbe, das besonders leuchtend wirkt und dank der geschickt platzierten, weissen Banderolen mit der Markenbezeichnung besonders auffiel. Zudem verwendete Gios keinen Chrom, das ansonsten an einem Rennrad sehr überzeugend sein kann. Beim Gios hätte es  jedoch das Gesamtbild eher fragmentiert und die dominierende Wirkung des Blau gestört. 

Natürlich habe ich inzwischen genauso einen Gios im Keller stehen und fahre bei schönem Wetter eine Runde damit!
In meiner eigenen Karriere als Radrennfahrer habe ich es immerhin in die höchste Amateurklasse geschafft und vor allem stets darauf geachtet, dass sich meine Leistung immer mit einem Mindestmaß an Eleganz entfaltete. Ein Trainer aus der Anfangszeit, Fritz Effen aus Euskirchen, bleute uns immer ein, mit den Knien den Rahmen zu streifen; und war das Rad mal nicht blitzblank bei der Trainingsausfahrt, konnte man gleich alleine seine Runde ziehen. Gleiches galt, wenn Lenkerbänder zerfleddert, Bremszüge abgeknickt oder die Socken nicht weiss genug waren. Radsport war vielleicht was für einfache Leute, aber wehe, man benahm sich so – eine schlechte Haltung, ein schmuddeliges Rad und ebensolche Kleidung qualifizierte einem zum ‚Cowboy‘, was noch schlimmer war, als nie ein Rennen zu gewinnen! 

  • Guido Calzolaio

    Einer Deiner schönsten Texte, Janni. Habe fast Pipi in den Augen und freue mich auf unsere nächste gemeinsame Tour (auch wenn sie nicht auf dem Gios stattfindet) Beste Grüße, Guido

  • Danke, Guido! Dies ist wohl was für Eingeweihte, denke ich :-) Freue mich auf die Tour (mit Dir)!

  • ha

    Hi Jan Erik, das ist der Stoff aus dem Legenden entstehen!
    Die Glücksgefühle kann ich jedenfalls als begeisterter “Wieder Radfahrer” – (15km) jeden Tag in die Arbeit – nachvollziehen. Den “materialistischen Radfanatismus” hat mir allerdings einer meiner besten Freunde vermiest, der während wir anderen billigen NoName Mountainbikes gefahren sind, er, weil die Eltern Kohle hatten, sein edel “Colnago” an die Wand hängte und im Gegensatz zu uns nur ganz selten benutze.

    Davor hatte ich Klassiker wie einen Dreigang “Highriser”, viele, viele hunderte Male umlackierte Waffenräder und dann nachdem ich die gleiche Faszination zwischen Mensch und Rad verspürte wie du, musste es ein mit dem ersten selbst verdienten Geld gekauftes, weisses, selbst aus Edelkomponenten zusammengestelltes Rennrad sein. reduced to the Max. Damit habe ich – auch noch OHNE Helm – die Freiheit, aus eigener Kraft mit geringstem Rollwiderstand von A nach B zu kommen und dabei mich und die nähere Umgebung besser kennen zu lernen, erfahren. Die Beine waren auch lang und braungebrannt, das Gesicht und Haare schweissnass, die Radhose immerhin schon in PietMondrian Muster und die Wadeln dementsprechend stramm ;-)

    Das geniale weisse Rennrad hätte ich jedoch nie und nimmer um läppische 5.000 österreichische Schillinge verkaufen dürfen, nur um mir wie die anderen das billigste Nakamura Mountainbike vom Großhandel zu kaufen! Aber damals wurde Mountainbiken gerade super trendy und die Rennradfahrer trugen urplötzlich diese komischen Helme aus mehreren Lederwürsten, was mein ästehisches Empfinden extrem gestört hat. Ausserdem waren die lokalen Rennradfahrer eher Loser – dünne Milchbubis mit weisser Haut, mit ekelhaften Dressen in abscheulichsten Neonfarben und Mustern, weissen Zwirnsocken etc. – also einfach der Maßen unsexy! Ganz anders die dreckverschmierten Mountainbiker a la Gary Fisher, die Ende der 80er aus USA zu uns rüberschwappten. Das war dann echt cool. Als dann die Alu und Karbon Frames bei Rennrädern und Mountainbikes kamen, wurde es nahezu unerschwinglich, da die Fahrradpreise in Richtung Klein PKWs gingen.Das führte mittlerweile wieder einmal zum Gegentrend und die Radgeschäfte mit Fixies im Angebot schiessen wie Pilze aus dem Boden. Das sind dann aber meist nur bunte Lifestyle Produkte, die nicht für die ursprüngliche Faszination Mensch/ Rennmaschine gebaut sind.
    Alles Liebe Harald

  • Jürgen

    …. danke für deinen enthusiastische Artikel! Allerdings gilt sein Kerngedanke sicher auch für andere Mensch/Maschine-Symbiosen – nicht nur im Sport. Beispiele gefällig? Schachspieler, Pfeiferaucher, Rosenzüchter. Wenn der Typus nicht zum Tool = Objekt der Begierde passt – vice versa – steht die Ästhetik hintan.

    Viele Grüße