organismus

Organisationen sind – näher betrachtet – uns Menschen nicht unähnlich: sie sind Organismen, die, solange man sie mit Nahrhaftem füttert, erstaunlich lange überleben können. Möchte man sie attraktiver machen, dann steckt man sie in neue Kleider; möchte man mit ihnen einen Wettkampf bestreiten, dann macht man sie schlank und fit; und möchte man, dass sie glücklich sind, dann gibt man ihnen eine sinnvolle Aufgabe!

Sogar im Wachsen werden Organisationen von vielen Spezialisten mit ‚natürlichen’ Organismen verglichen: So betreten Organisationen immer als zartes “Start up” – angreifbar aber bestimmt – die Erdkruste und beginnen so ihr Dasein als Unternehmen oder Initiative. Überleben sie die schwierige Frühphase, durchlaufen sie allesamt jene Phasen, die auch natürliche Organismen durchmachen: So wie ein Gewächs sich verästelt, wenn es empor wächst, zerteilt auch eine mensch-gemachte Organisation sich in Abteilungen, damit sie handhabbar bleibt. Und damit die ‚Astspitzen‘ nicht vergessen, zu welchem ‚Gewächs‘ sie gehören, wird jede Organisation von einer Struktur aus Prozessen, Handlungen und Kommunikation durchzogen, die vermittelt, was der Zweck des Ganzen ist. Wird diese Struktur gestört, dann wachsen schon mal Äpfel an einem Birnbaum.

Die vermittelnde Struktur zu bewahren, ist daher eine überlebensnotwendige Eigenschaft jeder Organisation. Geht sie verloren, kann sich der Zweck des Organismus nicht mehr überall gleichförmig entfalten und es entsteht Wildwuchs. Und nicht selten ist ein Wildwuchs die Ursache für ein gestörtes Unternehmen: Was nach Außen auf den ersten Blick als attraktiv erscheinen mag – wie ein Obstbaum, an dem alle Sorten wachsen – ist nach Innen ein Zustand der Orientierungslosigkeit. In diesem Zustand kann keine Organisation wirklich relevante und qualitative Produkte erzeugen. Umsichtige Unternehmer schneiden daher Wildwuchs zurück, so wie ein Obstbauer seine Plantage stutzt.

Wenn jedoch diese Umsicht – aber auch die Weitsicht – fehlt, gedeiht der Wildwuchs, frei aus Mangel an Zweckorientierung. Dann wird aus einem Auto schon mal ein Goldesel, dann vergisst man sein Versprechen an Kunden und Mitarbeitende. In dieser Orientierungslosigkeit kann eine Birne selbst entscheiden, dass sie ein Apfel sein möchte und den Zweck ihres ‘Birnbaums’ zunichte machen. Und genau dieser Zustand ist der Wachstumsschmerz vieler Unternehmen heute: Sie wissen nicht, wie sie ihre Struktur so gestalten, dass der Zweck gleichförmig und ungestört bis in die äußersten Astspitzen vordringen kann.

Daher versuchen sie es mit besseren Prozessen, schlankeren Strukturen, neuen Methoden [Design Thinking!], mit Sub-Unternehmen [Inkubatoren!] oder sie schneiden gleich grob die Äste weg – auch schon mal jene, auf denen sie gerade hocken! –, in der Hoffnung, dass sich die Zweckorientierung überall wieder einstellt.
Was sie jedoch selten für eine Verbesserung in Betracht ziehen, ist der Zweck selbst und das, was diesen in die Organisation hinein trägt: den Menschen!

Organisationen, Prozesse und Methoden sind nur technische Mittel eines Unternehmens, wie die Tracheen eines Gewächs. Man kann sie verbessern, effizienter machen und umgestalten, sodass die Funktionalität zunimmt. Aber leben, kann jedes Gewächs – und jedes Unternehmen – nur von reichhaltiger Nahrung. Was für einen Baum das Wasser und der darin enthaltene Nährstoff ist, sind im Unternehmen motivierte Menschen und der Zweck, den sie transportieren.

Weitsichtige Unternehmer pflanzen daher ihre Unternehmen in einen ‚Boden‘, auf dem es lange gedeihen kann: dieser enthält motivierte Menschen – Mitarbeiter und Kunden gleichermassen – und einen Zweck, der für alle reichhaltige Nahrung ist.
Und wenn sie merken, dass der Ertrag zurück bleibt, dann schieben sie die Schuld nicht auf die Qualität der Organisation, sondern setzen vor allem bei der ‚Nahrung‘ an: Sie entwicklen die Kundenzentrierung aller Mitarbeitenden, sie befähigen alle zur agilen Handlungsfähigkeit und zur selbst-motivierten Gestaltung der eigenen Arbeitsumgebung. Und sie rufen alle zur Besinnung, die statt einer qualitativen Birne, unbedingt ein apple sein wollen!