kette

Wenn Sie wie ich leidenschaftlich Radfahren, oder auch nur zum Brötchenholen um die Ecke, dann wissen Sie, dass an einem Fahrrad Vieles kaputt sein kann, bevor man es stehen lässt: Platte Reifen, fehlende Schutzbleche, krummer Rahmen, ja sogar fehlende Sättel halten einen nicht davon ab, es weiterhin zu nutzen! Ein Bauteil hat es jedoch in sich und wenn das versagt, ist sprichwörtlich „Schicht im Schacht“: Es ist die Kette!

Ausgerechnet das filigranste Teil eines Fahrrades ist entscheidend für eine effektive Nutzung dieses Systems. Mit ihr lässt sich die Antriebskraft in vorwärtsgerichtete Energie umwandeln und ermöglicht eine effiziente Nutzung. Denn es ist nicht das vielgepriesene Rad, das den Siegeszug des Fahrrades einläutete, sondern es war die Kette (und natürlich die zugehörige Übersetzung)! Jeder Radler weiss, hoffentlich nicht aus eigener Erfahrung, dass ein Kettenriss der Radler-Supergau ist.

Die Kette ist aber näher betrachtet ein System in sich: Sie ist eine Ansammlung von kleinen Gliedern, die so zusammen gesetzt sind, dass sie gemeinsam eine flexible, jedoch in eine Richtung starre Einheit bilden. Die Kette bildet das entscheidende Sub-System des Fahrrades. Die Leistungsfähigkeit der Kette wiederum ist abhängig von der Leistungsfähigkeit der Glieder und deren Verbindung. Denn, die Kette reisst immer am schwächsten Glied!

Man muss also kein Radlfreak sein, um das System Fahrrad als eine perfekte Analogie-Vorlage für die Organisationsstruktur in Unternehmen zu sehen. Viele Manager bedienen sich dieser Metaphorik, obwohl sie ein Rad nur selten besteigen. Die wenigsten sind sich jedoch dessen bewusst, wie relevant die Erkenntnis ist, dass ein System genau am schwächsten Punkt kollabiert: Würden sie öfter Radeln, würden sie danach Handeln.
Jedoch wird üblicherweise immer dort eine Verbesserungen angesetzt, wo das System eh schon stark ist, mit der Absicht, die Stärken zu stärken. Dies macht das System zweifelsfrei effektiver (ein trainierter Profi ist auch schneller, als meine Mutti auf dem gleichen Renner), aber eben nicht weniger anfällig vor dem Totalausfall. Im Gegenteil: Je leistungsfähiger die Stärken, desto eher tritt der Totalausfall ein!

Ingenieure versuchen daher, mittels einer Überspezifikation, das schwächste Glied so zu definieren, dass es den höchsten zu erwartenden Belastungen stand hält. Wohl auch daher sind Organisationen, die am Reissbrett der Ingenieure entstanden, ähnlich entwickelt: Die Schnittstellen zwischen den Funktionen und Abteilungen sind überspezifiziert. Kontrolle und Protokolle sichern den reibungslosen Ablauf (auch das aus der Radwelt entnommen!) in der Hoffnung, dass alles den Belastungen standhält.
Aber die Organisation ist nicht das kritische, schwächste Glied im System Unternehmen – sondern das ist der Mensch. Der Mensch ist das Kettenglied im System Unternehmen, die Mittarbeitenden bilden die Kette. Mit den Mitarbeitenden bringt man die Leistungsfähigkeit des Unternehmens ‚auf die Strasse‘ und auch hier gilt: Die Kette reisst beim schwächsten Glied!

Viele Unternehmen haben erkannt, das die Mitarbeitenden den gleichen Stellenwert haben, wie eine Kette am Fahrrad: Ohne sie tritt man in’s Leere! Daher ‚pflegen und ölen‘ sie die Mitarbeitenden und fragen regelmässig nach dem Befinden, in der Hoffnung, dass die Kette lange hält.
Trotzdem werden die Mitarbeitenden meist wie Bremsklötze behandelt und selten als Antriebssystem: Schwache Glieder werden toleriert in dem man sie ignoriert, mit der Folge, dass die Kette tatsächlich bremst, statt an zu treiben. Es wundert daher auch nicht groß, dass Mitarbeitende generell auf der Soll-Seite der Unternehmensbilanz verbucht werden, auf der Haben-Seite findet man sie selten.
Schuld hierfür ist der falsche Blick für das, was ein System langfristig leistungsfähig macht: Nicht das Starke ist entscheidend, sondern das Schwache! Gefördert wird daher in der Regel nur das Starke und nicht beachtet wird das, was eh nicht weiter auffällt – der Eisberg lässt grüssen!

Wenn Sie also nächstens Radeln gehen, dann schauen Sie sich die Kette genau an und bedenken Sie: das könnten Ihre Mitarbeitenden sein!!

  • Heinz Jürgen

    …. erneut ein ebenso inhaltlich beachtenswerter wie “redaktionell” erfrischender Artikel zur rechten Zeit (Le Tour). Weiter so! Freue mich schon auf den nächsten Beitrag.